Fahrlässige Achterbahnfahrer

Bill Hicks, der legendäre und viel zu jung verstorbene amerikanische Standup-Comedian pflegte das Leben mit einer Achterbahnfahrt gleichzusetzen. Man steigt ein und lässt sich von den langwierigen Anstiegen, plötzlichen Fällen, betäubenden Kurven, Schrauben und Loopings, der lauten Musik und den schillernden Lichtern in den Bann ziehen. Die meisten investieren so viel in das Erlebnis dieser Fahrt, das sie unterwegs vergessen was sie da eigentlich machen: Achterbahn fahren – und das jede Achterbahnfahrt eine Endstation hat, an der man aussteigt.

Denn egal welche Thrills und Enttäuschungen, Euphorien und Triumphe die Fahrt für uns bereit hält: am Ende bleibt es eine Runde in der Achterbahn. Eine gesunde Distanz zu allem, was uns das Leben an Gutem und Schlechten entgegenwirft, ist eine veritable Antwort auf das maternde Gefühl der Enttäuschung, das mit einer übermäßigen emotionalen Investition in die Umstände und Mühen des eigenen Lebens einhergeht. Manchmal gewinnt man und manchmal verliert man – und am Ende kommt Asche zu Asche und Staub zu Staub.

Menschen sind nicht von Belang, denn sie sind nicht von Bestand. Ihre Werke aber können durchaus überstehen – Jahrtausende manchmal und wir schrumpfen auf die uns gebührende Zwergengröße, wenn wir ihrer angesichtig werden. Nur durch das Schaffen eines Werkes können wir der Unsterblichkeit ein wenig näher kommen.

Als Achilles von Agamemnon die Einladung erhielt sich dem großen griechischen Heerzug nach Troja anzuschließen, da sprach Achilles, der ungeschlagene Günstling der Götter, mit seiner Mutter, einer Seherin, und fragte sie um Rat. Sie prophezeite ihm, das, bliebe er in Griechenland, er Söhne haben würde, die ihn und seinen Namen in Ehren halten würden und das auch diese Söhne haben würden, die es ihnen gleichtun würden. Aber schon im Andenken derer Söhne sei er nur noch ein verblassender Schatten und bald darauf werde er vergessen sein. Gehe er aber nach Troja, so werde Achilles, der Unbesiegbare, sein Leben verlieren und nie wieder nach Griechenland zurückkehren, aber für seine Taten würde man ihn noch in Jahrtausenden rühmen. Achilles ging nach Troja und so geschah es.

Das Leben ist keine Achterbahnfahrt, denn das hieße die kurze Zeit von der Abfahrt bis zur Ankunft in bedeutungslosem Hedonismus zu vergeuden. Um es mit Hicks zu sagen: “to enjoy the fuck out of it”. Das hieße aber auch sein Leben zu verschwenden. Das Leben ist ein Geschenk, auch wenn es sich meist mehr wie eine Last anfühlt. Es ist das Geschenk einer einmaligen Chance, Großes zu vollbringen. Der große persönliche Aufwand, der damit verbunden ist und die Unwahrscheinlichkeit des Erfolges entbinden uns nicht von unserer Pflicht eine Spur in dieser Welt zu hinterlassen, die mehr als unsere Enkelkinder auf verblichenen Fotos zu erkennen vermögen.

Sich auf die große Fahrt seines Lebens zu begeben, in der Erwartung einfach nur alles zu genießen, was des Weges kommen möge, ist ebenso töricht, wie aus Angst vor jeder schwer einsehbaren Kurve vorsorglich mit verschlossenen Augen in Terror zu kreischen. Wir sind keine zur Passivität verdammten Zuschauer, die in stummer Ergebenheit ihre lange Fahrt in eine Urne ertragen müssen. An manchen Stellen in unserem Leben haben wir Einfluss auf die Weichenstellung und sind wir in diesen Momenten zu sehr in den Ängsten und Freuden der Fahrt versunken, lassen wir sie uns fahrlässig entgehen.

Advertisements

1 thought on “Fahrlässige Achterbahnfahrer”

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s